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So blamiert sich die „Bundeszentrale für politische Bildung“ mit ihrer neuen Broschüre

September 10, 2018

Am Montag lud die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zur Präsentation ihrer neuen Publikation „Sexualitäten, Geschlechter und Identitäten - 8 Bausteine für die schulische und außerschulische Bildung“. In der 4. Etage des Hauses erwartete mich ein gut gefüllter Saal aus Interessierten, Vertreter*innen des LSVD, des Schwules Museum*, Lehrkräfte wie z.B. die „GEW - Schwule Lehrer“, Migrations-Bildungsvertreter*innen, sowie Aktivist*innen.

 

 

 

Anlässlich der Veröffentlichung fand ab 12:30 Uhr ein Fachgespräch zu dieser Publikation statt. Mit dabei: die wissenschaftliche Leiterin und Herausgeberin des Bandes, Dr. Susanne Offen, Thomas Krüger (Präsident der bpb), Charlotte Kastner (Antidiskriminierungsstelle des Bundes), Frauke Gützkow (GEW – Vorstandsmitglied Frauenpolitik) und Phil Elsen (Gymnasiallehrer in Berlin und Mitglied der Fachkommission des bpb-Schülerwettbewerbs). Moderiert von Miriam Vogel (bpb) ging man 90 Minuten lang Fragen nach, wie man Schüler*innen und Lehrkräfte besser für eben diese Themen begeistern kann, wie man Vielfalt in verschiedene Schulfächer einbauen kann und wie Lehrer*innen für diese Themen überhaupt sensibilisiert werden können.

 

Drei Jahre hat man an dieser Publikation gesessen. Man freue sich, „dass es nun endlich einen Leitfaden gibt, der in acht Bausteinen die schulische und außerschulische politische Bildung im Land vorantreiben kann“. 

 

Ich blättere durch die 114-Seiten lange Broschüre, erfahre Tipps für „Struktur der Unterrichtsstunden und Handlungsschritte“, lese Antworten auf die Fragen „Wie ‚bunt’ ist unser Unterricht?“ und über „die rechtliche und persönliche Situation von LGBT*QI international“. Schulfilme über Homophobie werden genauso thematisiert, wie die Frage, wie sich Lehrkräfte in „Problemsituationen einfühlen können“. 

Kurz vor 14 Uhr. Frage-Runde zum Schluss: Konstantin Sherstyuk von deutsch-russischem Verein Quarteera will wissen, ob auch an nicht deutschsprechende Menschen gedacht wurde, ob die Publikation vielleicht auch in einer anderen Sprache erscheinen sollte, um „gerade auch den Eltern ausländischer Schüler*innen in ihrer Heimatsprache die Themen besser zu vermitteln und sie dadurch besser aufklären zu können“. 

 

„Ein guter Hinweis“„natürlich bereits angedacht ist“ Ein junger Mann fragt, wie Lehrkräfte eigentlich sensibilisiert werden sollen, denn damit sei es ja auch nicht so weit her: „Wenn Lehrer nicht sensibel sind, hilft ihnen auch eine Broschüre nichts, denn Lehrkräfte müssten doch dazu auch fachlich geschult werden und wie würden sie das denn umsetzen wollen?“

 

„Lehrkräfte, die Politikunterricht machen, können dieses Thema eigentlich behandeln. Oder sie können keinen guten Politikunterricht machen!“ 

 

Die Moderatorin gibt die Frage in die Runde ab. Dr. Susanne Offen erklärt: „Ich glaube, der Politikunterricht ist in einer sehr guten Lage und Lehrkräfte, die Politikunterricht machen, können dieses Thema eigentlich behandeln. Oder sie können keinen guten Politikunterricht machen!“ Wumms! Da lächelt auch die Sitznachbarin.

 

„Denn egal, wie ich das finde“, ergänzt sie, „es geht doch darum, die Schülerinnen und Schüler zu einem mündigen Urteil zu … also sie dabei zu begleiten, […] es ist ein wunderbares Thema! Es ist kontrovers. Ich kann meine Schüler*innen unterstützen, an dieser Debatte teilzuhaben.“ - Ah ja! 

 

Dr. Susanne Offen ist Berufsschullehrerin, die den „gesamten Schulkontext für die Fächer Politik“ mitbringt. Sie hat in Erziehungswissenschaften promoviert zum Thema „Geschlecht und sexuelle Orientierung“ und sie ist die wissenschaftliche Leiterin und die Herausgeberin des Bandes. Ich blättere weiter, verliere die Aufmerksamkeit der Podiumsrunde, die immer komplizierter zu reden scheint.

 

Seite 82. Hier stutze ich. Es werden Fragen thematisiert, wie „Kann man die Geschlechtsangabe im Pass/in der Geburtsurkunde ändern?“ oder auch „Wie werden LGBT*QI-Menschen in der Öffentlichkeit wahrgenommen? [...]“ (siehe Bild). 

 

Darunter Antworten zu den jeweiligen Ländern, wie Deutschland oder den USA. Die Antworten erschrecken. Hier wird von „Geschlechtsumwandlung“ und „Homo-Ehe“ geschrieben - Ausdrücke, die mit dem „Waldschlösschen-Appell“ längst Geschichte sein sollten! Ausgerechnet in der nagelneuen Broschüre der „Bundeszentrale für politische Bildung“! 

 

Ich hake nach und ich stelle offenbar DIE Frage, die das gesamte Podium zum Staunen bringt.

 

“Ich freue mich, das Sprache heute hier so eine wichtige Bedeutung erfährt. Sie sprechen von Lehrkräften und Schüler*innen und LGBT-Sternchen-QI-Menschen und gerade weil Sprache so eine bedeutende Rolle spielt, bin ich doch maximal erstaunt, dass ich hier in ihrer Broschüre zum Beispiel auf Seite 82, Begriffe lese, die ich sonst nur von unseren erzkonservativen Gegnern von Vielfalt und Aufklärung oder aus der Boulevardpresse kenne! Was ist denn da passiert? Das können sie doch nicht ernsthaft so rausgeben!“ - Stille! Zur Erinnerung: Drei Jahre saß man an der Broschüre - zig Menschen müssen redigiert und gegengelesen haben.

 

Drei Jahre saß man an der Broschüre - zig Menschen müssen redigiert und gegengelesen haben.

 

Die eine Hälfte des Raums guckt in meine Richtung, die andere Hälfte blättert hektisch auf Seite 82, um sich von meinen Worten zu überzeugen.

 

Das Podium wird unruhig und Dr. Susanne Offen versucht sich in einer Erklärung: „Das ist ein Heft, das von verschiedenen Autorinnen und Autoren gestaltet worden ist und die Frage, sprachliche Vereinheitlichung und sprachliche Vielfalt hat uns … ähm … in der … Artikelerstellung immer wieder und an verschiedenen Punkten … ähm …  sehr stark auch beschäftigt. Wo geben wir was vor, wo legen wir das, was die Autorinnen und Autoren da aus ihrem jeweiligen … ähm … Zugang heraus … wählen und bei diesen Bausteinen ist es zusätzlich so, dass Übersetzungsfragen eine große Herausforderung waren, denn es geht ja um Rechte im internationalen Vergleich. Wie … ähm … gehen wir damit um, wenn zum Beispiel eine Formulierung in Brasilien so benutzt wird, wie übersetzt man die ins Deutsche?“

 

Na wie wohl, denke ich mir? Korrekt natürlich. Kann ja nicht so schwierig sein!

 

„Ich kann den Einwand nachvollziehen“, stammelt Offen und „hätte ich das geschrieben, hätte ich einen anderen Begriff gewählt an dieser Stelle, und wir haben uns an verschiedenen Stellen auch dafür entschieden, das zu akzeptieren, wie die Autorinnen und Autoren das schreiben! Und es ist ein berechtigter Einwand, der es lohnenswert macht, den auch mit Schülerinnen und Schülern zu diskutieren: Dieser Begriff zu einem anderen Begriff und wie steht man dazu?!“

 

Bitte was? Ich bin stark verwundert und unterbreche:Entschuldigung, aber ich bin mit ihrer Antwort überhaupt nicht zufrieden. Nein. Denn heute in ziemlich genau 60 Minuten steht Frau von Beverfoerde und ihre Demo-für-Alle-Anhänger am Potsdamer Platz, die eben genau solche Begriffe benutzen und sie vor allem GEGEN LGBTIQ-Menschen benutzen. Und ich frage Sie noch einmal: Wie kann so etwas passieren? Warum sprechen sie hier nicht von einer geschlechtsangleichender OP anstatt von Geschlechtsumwandlung und warum sprechen sie von der „Homo-Ehe“ anstatt von einer Ehe - meinetwegen einer gleichgeschlechtlichen!“

 

Man nehme diesen Einwand sehr ernst, erwidert die Herausgeberin. Und sie ist da „ganz bei mir, dass man das auch anders hätte schreiben können und auch hätte anders schreiben sollen!“ Aber das ist einfach die Geschichte dazu. Und so kann sie das jetzt auch erstmal nur beantworten. Es ist aber ein berechtigter Einwand. - Ja, natürlich ist er das! 

 

„Die Trans* und Inter-Verbände hauen denen die Broschüre um die Ohren“, flüstert mir ein junger Student zu. Ich nicke.

 

14:13 Uhr - die Präsentation ist beendet, man lädt zu einem kleinen Imbiss mit Kaffee und Säften. Dr. Offen kommt auf mich zu und sucht das direkte Gespräch. Sehr gut, denke ich und höre zu. Dass das ein berechtigter Einwand von mir sei und das man da jetzt mal darüber diskutieren müsste. Und überhaupt, hätte sie das ja ganz anders geschrieben.

 

„Gut“, sage ich, „wieviele Broschüren sind denn davon bereits gedruckt worden?“ - „Um die 1000“, so ihre Antwort. „Und digital wird es als PDF publiziert!“ - „Na prima“, entgegne ich ihr, „dann schlage ich mal vor, sie ändern das Ganze digital mal ganz schnell ab und publizieren dann besser nur das geänderte PDF, legen in dieser Ausgabe hier einen Hinweisflyer bei und dann stoppen sie am besten den gesamten Nachdruck der zweiten Auflage, und machen es einfach besser!“ Wieder Stille. 

„Das PDF wird jetzt geändert!“

 

„Ich kümmere mich darum“, sagt sie und verschwindet wieder im Saal. Menschen kommen auf mich zu, teilen mir ihre Unterstützung mit und gratulieren mir dazu, dass ich meinen Mund aufgemacht habe. Ja, was denn sonst? Ich dachte, dazu gibt es diese Veranstaltungen. Dass man sich austauscht. Vielleicht hätte man die Broschüre auch erst einmal an Menschen geben können, die sich täglich mit diesen sprachlichen Feinheiten auseinandersetzen. Vielleicht hätte man auch einfach nur an die Hälfte der geladenen Gäste die Broschüre vorab zum Gegenlesen schicken müssen, bevor sie jetzt offenbar nochmal neu gedruckt werden muss. 

 

Ich nehme meinen Rucksack, will gehen. Die Podiumsgäste in hektischer Diskussion. Ich trinke meine Apfelschorle aus. „Das PDF wird jetzt geändert!“ flüstert mir die Herausgeberin und wissenschaftliche Leiterin im Vorbeirauschen zu und verschwindet Richtung Fahrstuhl.

„Darüber freue ich mich sehr“, rufe ich ihr hinterher. „Ja, ich mich auch!“ - Irgendwie will ich ihr das jetzt nicht so recht glauben …  

 

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