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"Danke für Dein Lächeln!" - #WeltDownSyndromTag

March 20, 2018

Am 21. März ist Welt-Down-Syndrom-Tag! Der Aktionstag wurde im Jahr 2006 durch die Organisationen Downsyndrome International (DSI) und European Downsyndrome Association (EDSA) eingeführt. Heute möchte ich eine Geschichte aus meinem letzten Urlaub erzählen...
 

Wenn ich im Ausland unterwegs bin, probiere ich gern neue Restaurants und Cafés aus. Heute schreibe ich diese Zeilen von einem der schönsten Orte der Welt: Ich bin in Kapstadt. 

 

Ich werde gleich beim Frühstück sitzen, ein Bacon-Omelett genießen, meinen Soja-Latte und einen frisch gepressten Saft-Mix. Nein, das wird jetzt keine Frühstücksempfehlung, sondern eine Geschichte, die für mich neu sein wird. Eine neue Erfahrung…

Der Laden heißt „Brownies & downieS“ und hier wird nahe der Long Street, eine der Hauptstraßen in Kapstadt, so ziemlich alles serviert: vom Frühstück über (wie der Name vermuten lässt) Brownies, bis hin zum Abendessen. 

 

Wie üblich, werde ich hier platziert - etwas, was uns in Deutschland fremd erscheint. Hier ist es der erste Kontakt mit dem Gast. Und mein erster Kontakt mit einer Servicekraft, die mir mit ihrem gebrochenem Englisch zu erklären versucht, dass ich mich hinsetzen könne, wo ich wollte - schließlich sind ja genügend Tische frei. Dezent und unaufdringlich eingerichtet, sitze ich an einem schlichten Holztisch mit der Nummer 13.

 

Erst auf dem zweiten Blick bemerke ich, dass meine Kellnerin irgendwie „anders“ ist, als das Mädchen an der Kasse neben dem Eingang. Und sie heißt Betty. So steht es auf ihrem Namensschild. In der offenen Küche gegenüber geht es hektisch zu - viel zu viel Personal für so wenig Gäste und schaue unweigerlich weiter hin. Ich ernte winkende Hände, überschwängliche Freude und fünf lächelnde Gesichter, dass ich unweigerlich zurück lächeln muss. Moment mal, „Brownies & downieS“?

 

In Bruchteilen von Sekunden macht es „klick“ und ich stelle fest: einige der Menschen, die hier arbeiten haben das Down Syndrom. So auch Betty. Sie bringt mich zum Tisch, vorbei an zwei ihrer Kollegen, die eifrig das Besteck polieren. Ich bestelle mein Frühstück und bemerke den Fernseher an der Wand gegenüber. 

 

 

 

Dieser spielt kurze Dokumentationen, Interviews mit englischen Untertiteln und Erklär-Videos ab. Hier erfahre ich viel über den Umgang und die Erfahrungen von Menschen mit Down Syndrom. Über die unbändige Lebensfreude. Über ihren Platz in der Gesellschaft und wie sie täglich darum kämpfen müssen. Warum eigentlich? 

 

Nun kommt Christina an meinen Tisch. Größer als Betty und blond. Sie vergewissert sich, ob ich wirklich Vollkorntoast zu meinem Omelett haben möchte. In Wirklichkeit verlief die Situation viel peinlicher - für mich! Denn ich verstand  Betty einfach nicht. Ich wusste, auch nach mehrmaligem Erklären nicht, was sie mich fragte. Ich wurde rot und es war mir einfach nur peinlich. Christina sprang ihr  zur Seite - und nun stelle ich fest: Betty fragte einfach nur nach meinem Wunschbrot. Das Vollkorntoast endlich abgenickt, versinke ich vor Peinlichkeit im Boden, starre zum Fernseher… und vergesse dabei, mein Omelett zu essen. 

 

„Don’t you like it?“ fragt mich eine Stimme. Es ist Betty, die immer wieder ihr Namensschild zurecht rückt. Und dieses Lächeln hat, dass mich ansteckt. So wie alle hier einfach irgendwie nur glücklich aussehen. Ich frage mich warum - und ertappe mich in Vorurteilen à la „Vielleicht sind sie froh, dass sie einen Job haben… Vielleicht lachen sie aus Verlegenheit?“ 

 

Alles Quatsch! Sie sind glücklich und klar sind sie froh, einem regulären Job nachzugehen. Im 5-Minuten-Takt werde ich gefragt, ob denn „everything okay?“ sei. Dann gucke ich hoch und schaue wieder in Bettys strahlende Augen. „Einen Kaffee nehme ich noch“, erkläre ich auf Englisch und helfe ihr, sich daran zu erinnern, dass ich den mit Sojamilch hatte. „I know, Sir!“, und da ist es wieder - dieses lebensbejahende Lächeln. Natürlich weiß sie das. Ich halte fest: Der Service ist super, das Essen schmeckt und der Kaffee ist mega-lecker! Und Betty öffnet mein Herz. 

 

Ich schnappe mein Telefon und beginne den Laden zu googeln. 2017 wurde er zum „Disability Empowerment Awards Finalists”. Ich möchte mehr darüber erfahren und frage nach dem Geschäftsführer. Der ist (noch) nicht da, aber Betty weiß weiter. Sie beginnt zu erzählen und ich höre ihr sehr  konzentriert zu, um sie möglichst gut zu verstehen. Betty bemerkt das natürlich... und fragt augenzwinkernd: „Should I talk slowlier?“. 

 

„Please“, entgegne ich ihr höflich. Und dann erzählt sie: Von dem Extra-Bonus-Programm, bei dem man 5 Südafrikanische Rand (ca. 30 Cent) zu seiner Rechnung dazu addieren kann. Mit diesem Geld hilft eine Organisation in Kapstadt den Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder speziellen Bedürfnissen, zurück oder erstmalig in den Arbeitsalltag. Von der Ausbildung bis hin zur z.B. Servicekraft, so wie Betty. Dazu hat man spezielle Trainingsmethoden entwickelt, die dann zu einem besonderen Abschluss führen - die Grundvoraussetzung für eine Arbeitsstelle. Mich berührt das sehr. 5 Rand? 30 Cent! Wow! 

 

Beim Bezahlen gebe ich 50 Rand in die Charity-Dose und fühle mich irgendwie immer noch komisch. Nur Betty ist ganz aus dem Häuschen. Sie ruft Christina herbei und zeigt stolz auf meine 50 Rand. Dann fragt sie mich, ob sie mich umarmen darf. Okay, jetzt werde ich emotional. 

 

 

Sie fragt: „Do you come back tomorrow?“ - „No, I'm sorry, Betty.” Denn morgen fliege ich bereits wieder zurück nach Deutschland. Aber ich komme wieder! Soviel steht fest. Betty drückt mir einen Brownie in die Hand, lächelt und wünscht mir einen schönen Tag. „How much“, frage ich sie, ob der Tatsache, dass ich den Brownie ja nicht auf meiner Rechnung hatte. „Another hug!“ (noch eine Umarmung) und dazu wieder dieses bezaubernde Lächeln… Das ist alles, was Betty für den extra Brownie haben will.

 

Mein Tag - und sicher auch Bettys - wird heute ein anderer sein. Schauen wir doch alle einmal über den Tellerrand und geben Acht aufeinander. Hören wir anderen zu, helfen wir denen, die Hilfe benötigen. Egal wo sie herkommen, egal, wen sie lieben. 

Der Blog erschien zuerst am 20. Dezember 2017.

 

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