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Heterogene Homosexualität - wenn die Community ausgrenzt

 

Die LSBT-Community ist fragmentiert, wird durch viele Diskurse bestimmt. Im Bestreben, eine „Normalität“ zu erreichen kommt es jedoch zu Ausgrenzungen. 

 

Als Iskandar die Bar betritt, bemerkt er sofort die Blicke. Sie sind nicht unbedingt feindselig, aber doch skeptisch. Für ihn ist das keine neue Situation, er kennt das. Aus Syrien geflüchtet hat er auch Schlimmeres erlebt. Iskandar ist schwul und versucht in Berlin Anschluss zu finden, doch das ist gar nicht so leicht. Die LSBT-Community (Lesbisch, Schwul, Bisexuell sowie Transsexuell) ist heterogen. Eine Subkultur, die sich in Sub-Subkulturen verästelt. In ihr findet sich viel Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt. Jedoch finden sich in ihr auch vermehrt ausgrenzende Diskurse: Xenophobie, Misogynie, Homophobie. Die Begriffe sind Komplex, die Erlebnisse alltäglich.

 „Hast du dich denn überhaupt schon geoutet?“

Iskandar ist also noch recht neu in Berlin. In einem Café in Friedrichshain spricht er von den Hindernissen, die er in der Szene erlebt hat. Er hat in Syrien Architektur studiert, spricht nahezu perfektes Englisch. Doch er sieht „anders“ aus: „Wenn ich mit anderen schwulen Männern Kontakt aufnehme, dann habe ich selten das Gefühl, dass ich als schwuler Mann auf Augenhöhe wahrgenommen werde“. Egal ob in Bars oder Online, Iskandar erfährt zunächst meist eine Art Musterung. Ob er denn schon geoutet sei. Ob er denn nicht wisse, dass die islamische Kultur homophob sei. Kurzum, ihm wird das Gefühl vermittelt, dass er nicht auf dem gleichen zivilisatorischen Stand sei wie ein westlicher Homosexueller. Denn dieser sieht sich selbst gerne als emanzipiert und offen im Umgang mit seiner Sexualität. Freilich betont Iskandar, dass er auch positive Erfahrungen gemacht hat. Besonders dann, wenn man sich besser kennengelernt habe. Wenn das Gegenüber bemerkt habe, dass er genauso Interessen, Vorlieben und Meinungen hat wie jeder Mensch.

So wie Iskandar geht es vielen geflüchteten Homosexuellen. Wenn sie Glück haben, leben sie in einer Großstadt, in der bereits Strukturen geschaffen wurden um ein Miteinander besser zu organisieren. Das SchwuZ in Berlin etwa, ein LSBT-Club mitten in Neukölln, hat eine Politik der offenen Tür. Mehr noch werden Übersetzer und Übersetzerinnen eingesetzt, um die Hürden größtmöglich abzubauen. Das geht leider nicht ganz ohne Reibereien. „Manche Heteros, auch Geflüchtete, peilen nicht, dass das SchwuZ ein Homo-Club ist“, erlebt die Berliner Drag-Künstlerin Jurassica Parka immer wieder. Aus diesem Grund gab es auch schon Übergriffe auf Frauen. „Da kam es dann auch schon zu drastischen Auseinandersetzungen, das bleibt ja nicht aus“. Dennoch bekommt sie ebenso oft mit, wie homosexuelle Syrer glücklich zu Madonna tanzen. Die Balance zwischen Hilfe und Schutz ist schwer zu finden, das SchwuZ versucht es täglich aufs Neue.

 „Du bist schwul? Das hätte ich ja nie gedacht!“

Homophobe Übergriffe gibt es immer wieder. Auf den LSBT-Seiten im Internet sind oft Schlagzeilen zu lesen, in denen mutmaßlich Geflüchtete auf Homosexuelle einschlagen, weil diese offen ihre Liebe gezeigt haben.
Diese Schlagzeilen sind Realität und müssen ernst genommen werden. Gerne genutzt werden sie jedoch auch. Die sogenannten “Homosexuellen in der AfD“ etwa instrumentalisieren gerne jede dieser Schlagzeilen. Sie geben sich als das Sprachrohr der bedrohten Homosexuellen Deutschlands aus – und finden damit auch ihre Wähler.

In den rechtskonservativen Kreisen rund um die AfD, von Compact bis RT Deutsch, wird derweil ein Bild vor allem des homosexuellen Mannes propagiert: Der supervirile Mann, dem nichts Feminines anhängt.
„Die Tunte war noch nie gerne gesehen“, bestätigt der Historiker und Vorstandsmitglied im Centrum Schwule Geschichte Köln, Marcus Velke. Schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik gab es Diskurse, die schwule Männer als Staatstragend stilisiert haben. Wegen ihrer überhöhten Männlichkeit wurden sie als besonders tauglich für den Staatsdienst gesehen. Sie bedienten sich einer Ästhetik, die vor lauter Muskeln und Uniformen vor allem eins ausschloss, das Feminine.

Und so vermischen sich auch im Dunstkreis der AfD diese Diskurse. Geht es darum, fremdenfeindliche Reflexe zu bedienen, werden LSBT-Menschen gerne als Feigenblatt benutzt. Mit Hinweis auf die Gefahr durch den Islam werden sie als schutzbedürftig deklariert. Jedoch nur so lange, wie sie sich selbst wie gewünscht verhalten, also angepasst. Denn benimmt sich der Schwule zu tuntig, zu flamboyant. Ist die Lesbe zu laut oder zu fordernd, dann hört die Toleranz und der vermeintliche Schutz auf. Dieser heteronormative Diskurs findet sich auch in der Community selbst immer öfter.
In Kommentarspalten liest man etwa, dass „uns ja niemand ernst nehmen kann, wenn wir uns immer so schrill benehmen“. Besser sei es, genauso „normal“ zu sein, wie die angenommene Mehrheitsgesellschaft auch. Patsy l’Amour laLove kennt das Phänomen. „Das Problem ist, dass das Scheitern des Normalseins dazu führt, dass man andere sozusagen abstraft, die einem noch unnormaler als man selbst vorkommen“. Die Genderforscherin und Herausgeberin des Bands “Selbsthass & Emanzipation: Das Andere in der heterosexuellen Normalität“ betont, dass auch in der LSBT-Community vor allem Heteronormativität maßgebend ist. „Das wirkt mitunter bizarr, weil Homosexuelle sich dann manchmal gegenüber anderen Homosexuellen antihomosexuell verhalten“.

 „Für einen Asiaten siehst du echt gut aus.“

„Fat, Fem and Asian“ lautet das Lied der US-Amerikanischen Drag Queen Kim Chi. Dabei handelt es sich nicht nur um eine ins Positive verkehrte Selbstbeschreibung. Auch ist es eine Kritik an ausgrenzenden Sprüchen, die auf Onlinedating-Plattformen Alltag geworden sind. „Hetero-like“ müsse das gegenüber sein. Bitte nicht zu dick, zu alt, zu feminin. Nicht-Weiße Menschen werden derweil oft komplett abgelehnt oder fetischisiert. Asiaten etwa, so findet man es in vielen Profilen, sollten sich das Anschreiben gleich sparen. Sie seien zu feminin.

People of Color erleben derweil oft eine Fetischisierung. Sie werden nicht als individuelle Menschen wahrgenommen, sondern sind das Inbild des Machos. So beschreibt es auch der Journalist Mohamed Amjahid in seinem Buch “Unter Weißen“. Ein Freund von ihm wurde immer wieder auf Dating-Apps angeschrieben und mit Phantasien von Gewalt und Ausnutzung konfrontiert. „Solche sexuellen Phantasien sind nicht zu tabuisieren. Doch wenn sie aufgrund des Aussehens und eines darauf gründenden angenommenen Charakters basieren, dann sind sie verletzend“, betont Amjahid im Gespräch. In Damaskus sei das Dating vielen Geflüchteten einfacher gefallen. Denn auch wenn das Leben dort stark bedroht sei, würden sie nicht von anderen LSBT als anders, als „exotisch“ wahrgenommen.

Auch im Dating und dem damit verbundenen Sex wird also oft von einer Norm ausgegangen, die den Körper und den Habitus formen soll. Am besten ist es, wenn man sich nicht vom Heterosexuellen unterscheidet. Kann man das Gegenüber als schwul oder lesbisch erkennen, ist das nicht gut, so der Diskurs. Dabei ist genau das ein großer Teil der Community: Queer sein bedeutet, sich nicht den Normen der Geschlechter zu beugen. Vielmehr ist die Tunte, die burschikose Frau, die Transe auch immer eine Form des Widerstands gewesen. Und auch wenn dieser Widerstand nicht von allen getragen wird – und freilich auch nicht getragen werden muss – sollte er doch auch anerkannt werden.

Die LSBT-Community ist noch immer stark marginalisiert. Die verschiedenen Schicksale, Menschen und Identitäten einer Norm zu opfern wäre fatal. Vielmehr sollte die Verschiedenheit der Community ihre Stärke bleiben.
Denn das ist es, was Iskandar auch direkt fasziniert hat, dieses leben und leben lassen.

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