3 Tage Knast – Die ungewöhnliche Protestaktion vor dem Kanzleramt


Das letzte Mal gab es eine solche Aktion im Februar 2014. Da ging es um Russland. Da standen Menschen 16 Tage lang – auch während der Nacht, um eine Flamme zu bewachen. Sie standen ein für Menschenrechte und in Solidarität mit den Opfern. Die Mahnwache „Rainbow Flame“ ist vielen in Erinnerung geblieben. April 2017. Diesmal ist es die russische autonome Teilrepublik Tschetschenien. Dort wurden in den letzten Wochen massenhaft homosexuelle Männer verhaftet und einige sogar ermordet. Tausende demonstrieren seitdem gegen die Willkür des tschetschenischen Machthabers Ramzan Kadyrov – weltweit. In Berlin startete eine der ersten Solidaritätsmärsche. Nun kommt eine weitere Protestaktion: „ChechnyaStreetDays Berlin“ Die Mahnwache soll unsere Bundesregierung, allen voran Frau Merkel, dazu bewegen, den russischen Präsidenten Vladimir Putin auf die Folterungen und Ermordungen in Tschetschenien bei ihrem Russland-Besuch am 2. Mai 2017 anzusprechen. Am Sonntag startet diese ungewöhnliche Protestaktion in Berlin, über die wir natürlich mehr wissen wollen. EiE sprach mit dem freiberuflichen Projekt- und Eventmanager und Organisator der Mahnwache, Florian Filtzinger (29).


EiE: Hallo Florian. Wann hast Du eigentlich zum ersten Mal von den Ereignissen in Tschetschenien erfahren? Florian: „Die ersten Fetzen von Nachrichten habe ich von Freunden Anfang April bekommen, die Recherche daraufhin – die sich als äußerst schwer erwies und leider noch immer tut – hat mich dann zu weiteren Infos gebracht woraufhin ich mich mit Aktivisten aus mehreren Ländern beraten habe. Vor allem Avaaz konnte viele Infos von Aktivisten vor Ort liefern. Avaaz sind auch stark an der Organisation beteiligt, sowohl informell als vor Ort. Danke dafür!“


Was empfindest du bei den täglichen Nachrichten aus der Region? „Schmerz, Trauer und Wut. Vor allem aber fehlendes Verständnis für solche Verbrechen und die Naivität, damit Durchkommen zu können…”


Und dann kam Dir die Idee zur Käfig-Aktion? „Die Idee war recht intuitiv, die Frage war: Wie können wir Aufmerksamkeit auf das Thema lenken und was können wir machen um Frau Merkel vor ihrer Reise nach Russland zu bestärken, die Menschenrechtsverletzungen zu artikulieren. Ihre Stimme trägt wohl einen der höchsten Werte in der sogenannten westlichen Welt. Wenn ihr mich allerdings fragt, warum ich denke, es ist an der Zeit etwas zu tun, dann sage ich: Leider machen viel zu wenige von Ihrem Recht auf Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung Gebrauch. Das eigene Netzwerk auf Facebook zu informieren ist wichtig, aber nicht genug.“


Jetzt gerade hilft dir Facebook ja, da du so den Protest besser verbreiten kannst. Wie soll die Aktion genau ablaufen? „Wir beginnen am Sonntag um ca. 14 Uhr mit der ersten symbolischen Inhaftierung. Diese wird etwas inszeniert, um die Thematik zu verdeutlichen. Wir werden hier ohne Worte, eher bildlich und mit Botschaften arbeiten. Wir arbeiten noch daran, am Montag den 1. Mai eine Art Demo um die Mahnwache laufen zu lassen, ohne Fahrzeuge und mit vielen Plakaten. Dienstags haben wir einen Termin an dem vor allem Politiker geladen und gebeten werden, zur Mahnwache zu kommen. Der Käfig bleibt bis zur Abreise Merkels nach Russland stehen, eben am 2.5. – sollte sie es verschieben so verlängern wir die Aktion!“

"Alles kann man uns nehmen…. Aber niemals unseren Stolz, unsere Identität…"

Warum eigentlich in einem Käfig? „Ganz einfach, die Symbolik der Freiheitsberaubung lässt sich so sehr effektiv darstellen, auch wenn es sich um „Camps“ handelt in Tschetschenien. Die Insassen tragen geplant nichts als eine Regenbogenflagge. Alles kann man uns nehmen, machen wir uns da nichts vor. Aber niemals unseren Stolz, unsere Identität – auch wenn die Herren dieser Welt versuchen, diesen zu brechen.“


Wieviele Freiwillige konntet ihr für die Aktion schon gewinnen und wie sucht ihr Teilnehmer? „Momentan sind wir noch auf der Suche nach weiteren „Insassen“ und Ordnern für die Aktion. Wichtig ist das die Leute verstehen, das eine Versammlung nach deutschem Recht erst ab 3 Leuten eben als solche gilt. Die Personen vor Ort tragen Verantwortung, das dies gewährleistet ist – sonst wird die Aktion abgebrochen bzw. der Platz geräumt. Die bisherigen Freiwilligen habe ich aus meinem Freundeskreis oder sie haben sich über Facebook gemeldet. Wer dabei sein will, kann mir gerne schreiben (Alle Infos unten). Vor allem nachts werde wohl ich im Käfig stehen, was aber absolut in Ordnung ist.“


Können auch Frauen mitmachen? „Selbstverständlich. Solidarität und Mitgefühl kennen meiner Meinung nach weder Alter, Geschlecht noch Nationalität, ebenso wenig wie sexuelle Orientierung oder Religion. Jede und jeder ist willkommen sich an unserer Aktion zu beteiligen. Um ehrlich zu sein ist die Bereitschaft zur Teilnahme sogar bei Trans*- und Cis-Frauen bisher größer als bei den Männern.“


Wie werden die „Inhaftierten“ versorgt? Gibt es Schlafmöglichkeiten oder ist der Käfig eher das Abbild der Realität? „Der Käfig hat Platz für eine Person, sie kann darin auch nicht sitzen. Persönlich fände ich es in der Situation unangebracht, im Käfig zu essen, aber ich will den Freiwilligen nicht zu viele Vorgaben machen. Jede/r hat ihre/seine eigene Art den Protest zum Ausdruck zu bringen. In jedem Fall sollte sich aber jede*r selbst verpflegen."


"Vor allem nachts werde wohl ich im Käfig stehen…"

Welches Signal wollt ihr mit dieser Aktion senden? „Vor allem wollen wir zeigen, das es uns alle etwas angeht was hier passiert! Die Zeiten des nationalen Denkens, in denen Ländergrenzen auch wirkliche Grenzen waren, sind lange vorbei. Wer einen Mitmenschen verletzt, der verletzt die ganze Menschheit. Dieses Bewusstsein vertreten wir durch und durch. Alle Aktionen meines Kollektives „WeMind!“ sind durch diesen Charakter geprägt.”


Wie können Menschen außerdem helfen? „Bringt die Thematik zur Sprache, sorgt dafür, dass auch die heteronormative Welt Gehör davon bekommt. Vernetzt Euch, seid kreativ! Jeder von uns hat eine Stimme weit lauter als man manchmal denkt. Verschafft Euch Gehör, nehmt an Petitionen teil – engagiert Euch!“


Glaubst du, dass die Aktion bei der Bundeskanzlerin Gehör findet? „Das auf jeden Fall! Wir sind perfekt positioniert auf dem Forum vor dem Kanzleramt. Und wir werden drei Tage lang präsent sein. Die Frage ist eher, ob Sie den Mut hat, für die von ihr vertretenen christlichen Werte einzustehen – vielleicht darf man sagen: ob ihr die Thematik auch „Bauchschmerzen“ genug bereitet, es auszusprechen.“


Florian, wir wünschen dir und deinem Team eine gelungene Protestaktion und wir freuen uns sehr über deinen ganz persönlichen Einsatz. „Ich danke euch.“

Mehr Hilfe für Tschetschenien:

Die Aktion startet am Sonntag, 30. April um 14 Uhr auf dem Forum am Kanzleramt

Hier geht’s zur Veranstaltung: https://www.facebook.com/events/201903513650190/

Ihr möchtet euch an der Aktion beteiligen? Dann schreibt eine E-Mail an: florian.filtzinger@gmail.com.

Ihr könnt weiterhin spenden, um das Russian LGBT Network zu unterstützen: www.bit.ly/aktiv-helfen.

Die gemeinsame Petition von ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!, dem Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V., Quarteera, Russian LGBT Network und AllOut an Bundeskanzlerin Angela Merkel könnt ihr hier unterschreiben: http://allout.org/tschetschenien.

Am Sonntag, 30. April 2017 werden wir die Unterschriften aus der an Kanzlerin Angela Merkel gerichteten Kampagne an das Bundeskanzleramt übergeben. Beginn ist 14 Uhr. Interviewpartner werden vor Ort sein, können aber auch im Vorfeld erreicht werden.

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