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RUSSIA TODAY: Ein Versuch in Journalismus

April 11, 2017

Wieder einmal zeigt Russia Today, wie Journalismus nicht funktioniert. In einem Artikel vom 11.4.2017 wird ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! vorgeworfen, es sei ein „Werkzeug transatlantischer Interessengruppen“. Eine Unterstellung, die nicht nur böswillig und falsch ist, sondern wegen der offensichtlich vorgetragenen, mangelnden Recherche nicht mal als journalistisch bezeichnet werden kann.

Zunächst versucht RT Deutsch, die unabhängige, russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ zu diskreditieren. Diese hatte zuerst von den Verhaftungen, Folterungen und Verschleppungen von LGBT berichtet, die derzeit in Tschetschenien stattfinden. Dies wurde von vielen nationalen und internationalen Medien aufgegriffen und bestätigt. Anstatt jedoch mit handfester Kritik an der investigativen Recherche der „Nowaja Gaseta” aufzuwarten, sieht die „Kritik“ von Russia Today wie folgt aus: Auf der russischen Wikipedia-Seite stehe, so RT Deutsch, dass „Nowaja Gaseta” immer wieder Falschberichte veröffentlichen würde. Warum diese „Kritik“ nicht nur unseriös, sondern geradezu haarsträubend ist, liegt auf der Hand. Wikipedia ist keine Plattform für verlässliche Informationen, kann diese doch jederzeit durch Laien oder Profis manipuliert werden. Ein journalistisches Faktum, das man in jedem Proseminar an der Uni lernt.
Wie das aussieht? So zum Beispiel: Bemüht man sich, RT zu googeln und landet dann auf der deutschen Wikipedia-Seite zu dem Kanal, ließe sich, nehme man Wikipedia als einzige Quelle, lückenlos belegen, dass RT ein von Russland gesteuertes Propaganda-Medium ist. Doch auch das wäre – ohne weitere Recherche –keine haltbare These.

Genauso wenig, wie der Grundton des Artikels, der sich ungefähr so zusammenfassen lässt: Ja, Homophobie gebe es in Tschetschenien (und anderswo, in den USA zum Beispiel) natürlich schon. Aber die westliche Reaktion auf und Berichterstattung über die Vorgänge in Tschetschenien sei total aufgebauscht, russenfeindlich und hysterisch. Das sehe man ja daran, wie wenig und leise russische Medien sich zu dem Thema äußern würden, besonders russische LGBT-Medien.

Sowas nennt man ein Ablenkungsmanöver mit dem Holzhammer: Wenn die von Verfolgung und Stilllegung bedrohten nicht laut sagen, dass sie verfolgt werden, sind sie wohl keine Verfolgten. Und außerdem (und auch wenn davon gerade überhaupt nicht die Rede war) ist anderswo ja auch nicht alles in Ordnung.

Daraufhin, und dabei soll es sich wohl um das Kernstück dieses journalistisch, propagandistischen Lehrstücks handeln, greift RT dann ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! an, die spendenfinanzierte Nicht-Regierungs-Organisation, die sich gegen Homophobie und Transphobie einsetzt. Die Initiative, die im Artikel fälschlicherweise als Verein bezeichnet wird, funktioniert nur, weil sich viele Menschen ehrenamtlich einsetzen. Die Gelder, die wir als Spenden bekommen, werden dazu genutzt, Demos zu organisieren, Informationsmaterial herzustellen oder um zum Beispiel – wie im jetzt aktuellen Fall – den Opfern in Tschetschenien zu helfen. RT kritisiert uns außerdem dafür, dass wir Geld von einer amerikanischen nicht-staatlichen Organisation, der „Human Rights Watch“, bekommen. Dazu halten wir fest: Wir haben noch nie Geld von der Human Rights Watch erhalten. Einschränkend – und im krassen Gegensatz zur reißerischen Überschrift des Artikels – findet der Autor dann noch diese Worte: „Natürlich diktiert Javier Solana [ehemaliges Mitglied des Vorstandes von Human Rights Watch] den Organisatoren von Enough is Enough nicht ins Notizbuch, wie sie ihre Veranstaltungen aufzuziehen haben“, bleibt aber bei seinem hanebüchenen Vorwurf, dass wir gesteuert seien.

Boris Dittrich, Advocacy Director bei Human Rights Watch, die im Artikel ebenso kritisiert werden, sagte uns zu dem RT-Artikel:

„Es ist nicht das erste Mal, dass wir von Russia Today für unsere Arbeit angegriffen werden. Human Rights Watch ist eine komplett unabhängige Organisation, wir erhalten keine staatlichen Zuschüsse von keiner Regierung auf dieser Welt. Wir werden ausschließlich von privaten Spendern finanziert. Wir haben, zusammen mit einer Koalition aus verschiedenen NGO’s [Nicht-Regierungs-Organisationen], den Friedensnobelpreis für unsere unabhängige Arbeit zur Unterstützung von Menschenrechten erhalten. Dieser Artikel des Journalisten Gert Ewen Ungar ist vollkommen unseriös. Wir wissen aus verschiedenen unabhängigen Quellen – nicht nur von den russischen unabhängigen Medien, sondern auch durch unsere eigenen Quellen der Human Rights Watch, dass die Informationen aus den Nachrichten bestätigt werden können. Anstatt sich auf die Opfer, die in Tschetschenien zusammengetrieben, gefoltert und sogar ermordet werden zu fokussieren; anstatt sich auf die anhaltende Homophobie im Land zu fokussieren, geht es in dem Artikel nur darum, ENOUGH is ENOUGH! und die Human Rights Watch zu diffamieren. Das finden wir sehr enttäuschend.“

ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! ist eine Initiative unter dem Dach des Aktionsbündnis gegen Homophobie. Alle Spendengelder werden transparent und ehrenamtlich durch das Aktionsbündnis verwaltet. Eine Einflussnahme durch Spenderinnen und Spender ist nicht möglich und wäre mit unserem Einsatz gegen Homophobie und Transphobie auch nicht zu vereinbaren. Bei dem Artikel, der von RT veröffentlicht wurde, handelt es sich um haltlose Diskreditierungen, die mit Journalismus nichts zu tun haben. Wir stehen zu unseren Forderungen, die wir auf der Kundgebung zur Situation in Tschetschenien geäußert haben. Bitte unterstützt uns in unserer Arbeit gegen Homophobie, Transphobie und gezielte Missinformation. Vielen Dank.

Zum Autor: Matthias Kreienbrink hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert, schreibt als freier Autor unter anderem für ZEIT ONLINE und den Tagesspiegel und arbeitet ehrenamtlich als Social-Media-Moderator bei ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!

 

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